Bieringen
 

Artikel aus dem Schwäbischen Tagblatt vom Donnerstag, den 6. August 1987

Wie das Dorfgesicht sich änderte

Schmuck steht's da, das Bieringen anno 1987. Der Flecken ist weitgehend saniert, es gibt ein reges Vereinsleben, ein Gewerbegebiet und eine schöne, naturgeschützte Landschaft in den Tälern von Neckar und Starzel. Sehen lassen kann sich auch die Struktur: 18 Gewerbebetriebe mit einer beachtlichen Zahl von Arbeitsplätzen, gute Einkaufsmöglichkeiten und gleich fünf teilweise renommierte Gasthäuser sind für ein 700-Seelendorf heute keineswegs selbstverständlich.

Zu danken ist das zum erheblichen Teil dem Selbstbewußtsein der Bieringer, die sich durch den Verlust der Selbständigkeit vor 15 Jahren nicht unterkriegen ließen. Die Kommunalpolitik ist dementsprechend - klopft ein Bieringer an Rottenburgs Rathaustür, sind zähe Verhandlungen angesagt. „Das einzige, was uns wirklich fehlt, ist ein Lebensmittelladen", sagt denn auch ganz zufrieden Professor Egidius Schmalzriedt, der Bieringer Ortsvorsteher. Er selbst kommt übrigens nicht vom Ort. Es geht die Anekdote, er sei nach Bieringen gezogen, weil er partout nicht in einer Stadt wohnen wollte. Doch kaum stand das Häusle, da wurde Bieringen eingemeindet - und jetzt -, so heißt es am Stammtisch, „ist der Herr Professor der beste Bieringer".

Zwei Projekte haben die Bieringer Entwicklung nach 1945 entscheidend geprägt. Das eine, bedeutendste, ist die Zähmung des Neckars. Das letzte Mal wurde der Flußlauf 1982 korrigiert, für rund eine halbe Million Mark, Erst seither müssen die Bieringer im Normalfall nicht mehr fürchten, daß ihnen das Wasser in den Keller läuft, wie es jahrhundertelang alljährlich geschah. Eine bessere Zukunft dürfte damit auch der Neckarbrücke beschieden sein, die heute Bieringen nicht nur mit Wachendorf verbindet, sondern auch mit dem 1965 erschlossenen Baugebiet „Taläcker" am anderen Ufer. Die Brücke fiel früher alle paar Jahre dem Hochwasser oder winterlichem Eisgang zum Opfer, der Verkehr über den Fluß mußte oft monatelang mit kleinen Nachen bewerkstelligt werden. Mit der Flußkorrektur und dem Neubau der Brücke wurde die Talaue offiziell zum Überschwemmungsgebiet erklärt.

Vom Eis zerstörte Neckarbrücke

Ein jahrhundertelanges Problem, das erst in diesem Jahrzehnt zu den Akten gelegt werden konnte: Überschwemmungen richteten nicht nur in den Bieringer Häusern immer wiedergroße Schäden an, sondern rissen alle paar Jahre in Verbindung mit Eis und Treibholz die Brücke weg, wie auf dieser Fotografie aus den 30er Jahren zu sehen.

Das zweite hervorragende Projekt war der Ausbau der Neckartalstraße (L370), über die noch heute zum erheblichen Teil der Verkehr von Rottenburg nach Horb fährt - bis zum Bau von Osttangente und Autobahn-Zubringer fuhr in dieser Richtung nahezu jeder durch Bieringen. Im Ort wurde der Ausbau in den 60er Jahren vehement gefordert; als er sich verzögerte, gab es Protestaktionen, die sogar den damaligen Stuttgarter Ministerpräsidenten 1970 zu den streitbaren Bieringern reisen ließen. Begonnen wurde der Ausbau dann 1976. Er hat das Aussehen des Ortes radikal verändert: Eine ganze Häuserzeile, die einst direkt am Neckar stand, mußte der modernen Trasse weichen.

Schon 1978 wurden die Weichen gestellt für eine grundlegende Sanierung des alten Ortskerns: „Dortentwicklungsplan" hieß das Zauberwort. Doch die stand zunächst nur auf dem Papier, aus dem die Pläne eben sind. Richtig los ging es erst vor wenigen Jahren. Inzwischen ist der Lohn des Aufwands aber nicht mehr zu übersehen: Die kleinen, schmalen Gassen und die alten Dorfstraßen bekamen einen modernen Belag, von gasfußhemmenden Pflasterstreifen unterbrochen. Gepflastert wurden auch die zahllosen Eckchen, die ein Dorf wie Bieringen aufzuweisen hat, aufgelockert durch üppige Bepflanzung. Inzwischen haben auch viele Hausbesitzer die Zuschuß-Chance genutzt, Fachwerk freigelegt, die Fassaden und das Innere aufpoliert. Gemeinde und Kirche standen nicht nach: Das Rathaus wurde von Grund auf saniert, und auch die Kirche hat wieder einen neuen Glanz.

Groß geschrieben wird in Bieringen noch so manche gute, alte Tradition. So gibt es ein öffentliches Backhaus, in dem sich die Frauen aus dem Dorf (Männer sollen gelegentlich auch schon gesichtet worden sein) zum Brotbacken treffen. Auch ein eigenes Schlachthaus haben die Bieringer noch. Im Gegensatz zu manchen Nachbarorten müssen die Kleinen nicht mit dem Bus in den Kindergarten fahren - den gibt es am Ort. Später allerdings müssen auch die Kinder mobil werden: Eine Schule hat Bieringen nicht mehr. Dafür sind dank des Bahnanschlusses die öffentlichen Verkehrsverbindungen vergleichsweise ausgezeichnet. Zwar heißt der Bahnhof nur noch so, eine Fahrkarte kann man dort schon seit Jahren nur noch aus dem Automaten lassen. Doch zwölfmal am Tag kann einsteigen, wer nach Rottenburg oder Tübingen will, und zehnmal, wen es nach Horb zieht.

Für die 683 mit Hauptwohnsitz gemeldeten Bieringer stehen im Ort 88 Arbeitsplätze zur Verfügung. 31 Bieringer tragen einen ausländischen Paß in der Tasche, 454 bekennen sich zum katholischen, 145 zum evangelischen Glauben. Niedergegangen ist, wie allerorts, die Landwirtschaft, in der einst fast das ganze Dorf arbeitete. Heute treiben in Bieringen nur noch zwei Vollerwerbsbauern ihren Hof um, weitere sieben bewirtschaften ihre Felder und Acker nebenberuflich.

Aktuelles

Keine News im Moment